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Als ich neun Jahre alt war, wurde ich mit meinem drei Jahre älteren Bruder für zwei oder vier Wochen in den Thüringer Wald auf Ferienfahrt geschickt. Unsere Mutter wollte alleine nach Paris fahren. Die Gruppe mit der wir unter-wegs waren und die uns dann Tag und Nacht begleitet hatte, gehörte zu den „Jungen Pionieren“. Mein Bruder und ich gehörten, glaub ich, nicht dazu. Jedenfalls kam uns vieles von dem, was wir taten, befremdlich vor.

Da gab es morgens, nach dem ich schlecht in einem der unbequemen Betten, die nach Rost und Moder rochen, geschlafen hatte einen Morgenappell, mit Fahne hissen. Die Jungs waren frisiert und kannten alle möglichen russischen Lieder und wussten genau, wer wann was zu tun hatte. Ich versuchte nicht aufzufallen. Mittags gab es oft riesengroße Schnitzel mit Pommes, die meinen Appetit erschlugen. Dann wanderten wir zu einer Gedenkstätte für Ernst Thälmann. Mir war unangenehm, dass ich den nicht kannte.

Ich weiß noch, wie ich in Jena mal in einem Supermarkt war. Grau dominiert in meiner Erinnerung die Farblichkeit. Die Regale waren nicht gefüllt. Man sieht im Westen nie das Regal selbst, sondern nur die Waren. Joghurt gab es nicht, aber Schokolade. Die war schön verpackt, schmeckte nach Kabaverschnitt und tröstete.

Einmal war ich mit meinem Bruder in den Wald gegangen, in dem unsere Wohnbaracken lagen, um dort zu pinkeln, weil die Klos so eklig waren. Wir hatten beschlossen, nach Paris zu laufen, weil wir es hier nicht mehr aushalten würden. Haben wir aber doch nicht getan. Die Klos waren in stinkenden kleinen gelben Häuschen ohne Riegel und so, dass mein Bruder und ich unsere Notdurft um die Wette zurückhielten.

Auch ein Konzentrationslager hatten wir besucht, mir wurde übel. Als wir abends den KZ-Film „Nackt unter Wölfen“ anschauten. Ich hatte gehofft, dass jetzt keiner merkt, dass ich rausgehe.

In unserer Baracke war noch einer, der dauernd verarscht wurde. Er hatte Pickel im Gesicht und war ein etwas träger, langer Typ, genannt „Longschwänz“. Der war wichtig, damit wir auch mal jemanden hatten, den wir ärgern konnten.

Einmal sind wir auf einem Sportplatz auf roten Bahnen mit weißen Spuren gelaufen: 500 Meter, mehrere Runden. Manche bekamen eine sehr schöne goldfarbene Medaille. Laufen kann ich gut, dachte ich, und wollte auch so ein schönes Teil haben. War aber zu langsam.

Am letzten Abend gab es eine Rauferei, ich hatte mich mit dem Anführer in unserem Bungalow in einen Knäuel verhakt. Eigentlich hat es gut getan.


"Mein erster Tag auf der anderen Seite"
(Umfrageergebnisse, München/Denning, Sommer 2005)


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